Philoktet

Das Theaterlabor Schwerte präsentiert sein 15. Stück


Februar 2018: Ich entscheide mich nach einigen Trainingsstunden mit dem neuen Ensemble, als neues Stück 'Philoktet' von Heiner Müller zu erarbeiten. Da jedoch mehr Männer mitmachen, als nur die drei bei Müller vertretenen Protagonisten, lege ich das antike Drama des Sophokles darüber und entnehme einige Passagen und Figuren aus diesem Stück.
Aber noch einmal zurück. Philoktet? Auch ich konnte anfangs mit diesem Namen nichts anfangen. Er taucht kaum in unserem Wissenshorizont über die Antike auf. Er gehört zu den Vergessenen des antiken Heldenhimmels. Philoktet war ein Bogenschütze. Er hatte Pfeil und Bogen von Herakles geerbt, einem Heros der griechischen Mythologie. Ihm waren gottgleiche Eigenschaften zugeschrieben worden, und so starb er auch nicht sondern fuhr direkt in den göttlichen Olymp hinauf, nachdem er verbrannt worden war.
Von diesem Herakles hatte Philoktet also seine Waffen geerbt. Diese waren durch das Eintauchen in das Blut der Hydra, eines urzeitlichen Ungeheuers, nicht nur treffsicher und zielgenau, sondern auch absolut tödlich für den Getroffenen.
Philoktet lebte auf Melos. Von dort zog er im Verbund mit anderen griechischen Fürsten gegen die Stadt Troja. Troja war Zufluchtsort von Helena und Paris geworden. Helena, Ehegattin des Fürsten von Sparta, Menelaos, hatte sich in den Göttersohn Paris verliebt und war mit ihm dorthin geflohen. Daraufhin erklärten die Fürsten Troja den Krieg und zogen aus, um die Stadt zu belagern.
Philoktet zog mit. Auf dem Weg nach Troja jedoch wurde er von einer Schlange gebissen. Die Wunde eiterte und stank sehr. Ihre Schmerzen waren unerträglich, und Philoktet schrie ebenso unerträglich, so dass es für seine Mitreisenden nicht auszuhalten war. Odysseus, Fürst von Ithaka, nutzte einen tiefen Schlaf des Philoktet, um ihn auf einer einsamen, kargen Insel namens Lemnos auszusetzen.
Die Fürsten ziehen weiter nach Troja, belagern die Stadt. Nach zehn Jahren  verzeichnen sie nichts, außer schwere Opfer, u.a. Achilles, Fürst von der Insel Skyros. Dessen Sohn Neoptolemos wird an seiner statt wieder von Odysseus für den Krieg gewonnen. Er muss jedoch mitansehen, wie sich derselbe Odysseus der Waffen seines Vaters bemächtigt.
Nach diesen zehn Jahren ereilt die Griechen eine Weissagung: Ohne die Pfeile des Philoktet hätten sie keine Chance, Troja zu erobern. Odysseus, inzwischen verrufen wegen seiner Durchtriebenheit, wird ausersehen, Philoktet zurückzuholen. Und als Begleitung wählt er sich ausgerechnet Neoptolemos, den er schwer gedemütigt hat.
Hier setzt das Drama ein, eine Gemengelage, die den Spielern so präsent ist. Man ist aufeinander angewiesen, hat aber gleichzeitig hohe offene Rechnungen miteinander.
Odysseus setzt Neoptolemos als Lockvogel ein. Denn nur jemand, der Odysseus aus tiefster Seele hasst, kann irgendwie Zugang zu Philoktet gewinnen, dessen Hass auf Odysseus unaussprechlich sein muss.
Neoptolemos begegnet nun dem Philoktet – und er gewinnt sein Vertrauen, indem er von seinem Hass auf Odysseus berichtet. Aber ist es Taktik? Oder ist er glücklich endlich jemanden gefunden zu haben, dem er das Herz ausschütten kann? Jedenfalls entwendet er dem Philoktet den Bogen, wird hin und hergerissen zwischen der Verbundenheit mit Philoktet und der Verpflichtung gegenüber Odysseus.
Wir begegnen hier einer Situation, die wiederum den Männern sehr präsent ist: Lockt der, dem ich vertraue, in eine Falle – um daraus später Nutzen zu ziehen? Wem kann ich wirklich vertrauen? Der Satz des Odysseus „Denn glaubhaft lügen wirst du mit der Wahrheit.“ gehört zum direkten Erfahrungsbereich nicht nur der Männer in der JVA.
Es war wichtig während der Arbeit, diese Gefühle und Erfahrungen herauszudestillieren – ohne ein Vorwissen über die Grundlagen griechischer Mythologie vorauszusetzen. Dies gelang durch intensive Arbeit an den einzelnen Figuren.
Bei der inszenatorischen Arbeit kamen wir dazu, immer mehr den ganzen Raum der Betriebshalle als Spielfläche zu etablieren. Am Ende befanden wir uns nicht mehr auf einer einsamen Insel, sondern eher in einem einsamen Bunker, der verlassen worden war – und wo nur noch Wesen lebten, die vergessen waren. Wie Philoktet.
Die Geier werden bei Heiner Müller immer erwähnt, tauchen aber als eigenständige Personen nicht auf. Im antiken Drama spielt ein Chor mit, der die Szenen reflektiert. Und so übernahm der Chor die Rolle der Geier.
Im Frühjahr begegnete ich einem griechischen Regisseur. Wir kamen ins Gespräch über die Rolle des Boten im griechischen Drama: Der Bote beschreibt die Szenen, die den athenischen Zuschauern nicht zuzumuten waren, Szenen v.a. von Gewalt und Schlachten.
Zuzumuten ist das eine, glaubhaft zu spielen das andere. Und so nahmen wir in das Stück die Rolle eines Boten auf, der den Mord an Philoktet berichtet und beschreibt, der aber auch die Gäste noch einmal so weit als notwendig in  die Hintergründe des Dramas einführt.
Sechs Aufführungen mit fast insgesamt fünfhundert Besuchern konnten wir wieder ver-zeichnen. Innerhalb des Stückes konnten wir auch Entwicklungen durchführen. So war mir als Regisseur bei einer Chorszene mit den 'Geiern' nicht wohl zumute. Erst bei der letzten Vorstellung konnte sie, nach mehreren Umstellungen, ihre volle Kraft entfalten.
Unterstützt wurde ich bei diesem Projekt durch einen angehenden Theaterpädagogen BuT, Max Falck aus Dortmund Holzen/Essen, der ein sechsmonatiges Praktikum im Theaterlabor Schwerte absolvierte. Seine Ausbildung macht er z.Zt. beim Off-Theater, Neuss.